Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Supplemente S. 276

   01] Wenn es mit diesen Evangelien noch bei dem geblieben wäre, so wäre es allerdings noch um vieles besser, als es jetzt ist; denn in diesen Evangelien stand viel zu wenig des Wunderbaren, des Grausamen und des Schrecklichen für die Menschheit, daher man es später für notwendig gefunden hat, besonders zum Teil unter den Judenchristen, Griechen und Römern, schon hundert Jahre vor der großen Kirchenversammlung zu Nicäa (325, d. Hrsg.), viele Beisätze zu machen, besonders jene, die stark nach Wundern riechen, und die ein ungeheuer starkes strafgerichtliches Gesicht haben, um Mich als den Beglücker der Menschen, der den Menschen nichts so teuer ans Herz gelegt hat, als die Liebe und Wahrheit, gerade zum Gegenteile zu machen.
   02] Ich habe nie gegen die rechte Wissenschaft der Menschen geeifert, sondern bei vielen Gelegenheiten die Menschen über gar vieles Selbst belehrt, darin sie früher in der vollen Unwissenheit und Blindheit gestanden sind, darum Mich denn auch die betrugssüchtigen Pharisäer am meisten haßten, weil Ich das Volk in allem belehrte, worin sich früher die Pharisäer die größte Mühe gegeben haben, dasselbe nach Möglichkeit zu verdummen, zu ihren losen Zwecken. Und sie haben es auch wirklich dahin gebracht, daß, als ein hoher Priester Hannas oder auch Kaiphas, um das Volk zu größerer Opferwilligkeit zu bewegen, im Tempel mit grimmiger Stimme ausgesagt haben, daß im Bache Kydron durch drei Tage lang nichts als Blut fließen müsse und die Sonne einen ganzen Tag hindurch nicht scheinen dürfe, das Volk solchen Unsinn glaubte, sich aus lauter Furcht vor solcher Strafe in ihre innersten Zimmer verkroch, und wenn die Strafzeit vorüber war, voll Furcht, Angst und Zittern den Kydron besichtigen ging, ob noch Blut fließe; und hatte der Kydron sein natürliches Wasser, so hatte das Volk nichts Emsigeres zu tun, als schwere Opfer in den Tempel zu bringen und selbe den Priestern vor die Füße zu legen.
   03] Die Sonne hat freilich auch an einem solchen Tage fortgeschienen, und im Bache Kydron ist kein Tropfen Blut geflossen, wovon die gescheiten Juden wohl sich selbst überzeugt haben und davon auch die armseligen und zu abergläubischen gemeinen Juden belehren wollten, aber meistens ohne Erfolg; denn diese haben in ihrer Einbildung und Furcht Blut fließen und auch die Sonne nicht scheinen gesehen einen ganzen Tag lang.
   04] Und wie das gemeine Volk zu jeder Zeit in dem allerblindesten Aberglauben sich befand, so befindet es sich heutzutage auch noch. Ihr könnt solchen Menschen die absurdesten Wundermärchen erzählen, und sie werden sie glauben, und so es diese ihren Nachbarn weiter erzählen, so werden sie noch vieles dazu setzen, es auch noch ins Wunderbare verkehren, so ihnen von seiten des ersten Erzählers etwas zu wenig wunderbar vorgekommen ist. Aber von irgendeiner Wahrheit ist mit ihnen nichts anzufangen.


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