Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Supplemente S. 277

   01] Darum war es auch zu Meiner Zeit überaus schwer, die eigentlichen Stockjuden zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen; es mußte denn ein Wunder geschehen, durch das sie von ihrem Schlafe wach gerüttelt wurden, und dann bei sich ein wenig nachzudenken anfingen, was Ich doch mit dem oder jenem gesagt habe.
   02] Ich habe aber schon den Aposteln zu Meiner Zeit zu mehreren Malen gesagt, daß sie bei Weiterverbreitung Meiner Lehre viel weniger von Meinen Wundern als vielmehr von der inneren Wahrheitstiefe Meiner Lehre reden und predigen sollen.
   03] Nur der einzige, Johannes, blieb dieser Mahnung getreu, alle die andern um vieles weniger. Sie fingen lieber gleich bei den Wundertaten und dann erst vom Reiche Gottes und der inneren Wahrheit zu reden an, so die Zuhörer schon vorher mit den Wundertaten umgarnt waren.
   04] Die Sucht, Wunder zu erzählen, stieg dann von einem Dezennium zum andern so sehr, daß eine große Anzahl von teils geschriebenen und noch mehr von traditionellen Evangelien derart anwuchs, daß daraus kein Mensch mehr klug werden konnte.
   05] »Lukas, wie auch Pseudo-Evangelist Matthäus (l'Rabbas), haben ihre Evangelien eben nicht gar zu sehr viele Jahre nach mir aufzuzeichnen angefangen, und sich aber dennoch in manchem der Art verstiegen, daß am Ende unter ihnen selbst in so manchen ganz wichtigen Dingen der größte Widerspruch ans Tageslicht kommen mußte.
   06] Vom Prüfen war in jener Zeit ohnedies keine Rede; denn ein jeder Evangelist hatte seine gewissen Leser und Zuhörer, und hat sich um einen andern Evangelisten wenig bekümmert, und die Evangelisten selbst hielten sich auch nur an das, was sie niedergeschrieben hatten, und hatten sogar mitunter eine rechte Freude an dem, was der eine oder andere in seinem Evangelium (allein) besaß.
   07] So kümmerte sich denn auch l'Rabbas (Matth.) wenig oder gar nicht um den a nach dem achten Tage der Geburt im Tempel beschnittenen Jesus, und so (Lukas, d. Hrsg.) auch nicht um b die drei Weisen aus dem Morgenlande, um c die Flucht nach Ägypten und den d grausamen Kindermord durch Herodes in Bethlehem. L'Rabbas (Pseudo-Matthäus) hat solche Kunde zu Tyrus und Sidon erhalten und in seiner Art auch aufgezeichnet. Aber da er selbst, wenigstens ehedem, mehr Heide als Jude war, so kümmerte er sich auch wenig um die Beschneidung des Kindes Jesus, und so weisen diese beiden Evangelisten einen der merkwürdigsten Widersprüche unter sich auf, während sie in vielen andern Stücken bis auf die Orts- und Zeitangabe meiteinander harmonieren. (a Lukas.02,21; b Matthäus.02,01-12; c Matthäus.02,13-23; d Matthäus.02,16-18)
   08] Nach Lukas besteht sodann ein allen jüdischen Gesetzen und Gebräuchen vollkommen entsprechend a beschnittener Jesus, der b zu Bethlehem in einem Schafstalle geboren und c nur von den Hirten begrüßte wurde, d den Besuch von den drei Weisen aus dem Morgenlande gar nicht erhielt, nicht nötig hatte, e nach Ägypten zu fliehen, sondern dafür ganz gemütlich nach f Nazareth zurückzukehren, daselbst ganz ruhig sein ùg zwölftes Jahr ohne irgendwelche Verfolgung von seiten des Herodes abzuwarten und dann mit seinen Eltern nach Jerusalem eine Wanderung zu machen. (a Lukas.02,21; b Lukas.02,07; Matthäus.02,11; c Lukas.02,15-17; d Matthäus.02,01-12; e Matthäus.02,13-23; f Lukas.02,39; ùg Lukas.02,41-52)


Home  |    Index Supplemente   |   Werke Lorbers